Motion Graber: Hat es endlich gefunkt zwischen Pensionskassen und Start-up-Unternehmen?

Renaissance setzt Partnerschaft mit dem «Nachfolgebus» fort
April 1, 2019

Die 2013 eingereichte Motion Graber von Konrad Graber, Ständerat des Kantons Luzern, verfolgt zwei Ziele: Verbesserung der Rahmenbedingungen für schweizerische Start-up-Unternehmen und Verpflichtung der schweizerischen Pensionskassen, 1 % ihres Vermögens in zukunftsträchtige Firmen aus der Schweiz zu investieren. Wie stehen die Dinge fünf Jahre nach der Einreichung der Motion? Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen.

 

Eine Debatte von nationaler Tragweite

Gemäss dem Bericht des Bundesrates vom 30. November 2018 «beauftragt [die Motion] den Bundesrat, die rechtlichen Grundlagen zu schaffen, damit Vorsorgeeinrichtungen in der Lage sind, in zukunftsgerichtete Anlagen zu investieren. Ausserdem wird der Bundesrat eingeladen, einen privatwirtschaftlich organisierten und gehaltenen Zukunftsfonds Schweiz zu initiieren, der auf Wunsch der Vorsorgeeinrichtungen deren zukunftsträchtige Anlagen zur Betreuung übernimmt».

Der Motion Graber ist zugute zu halten, dass sie eine nationale Debatte über die Rolle und die Verantwortung der schweizerischen Pensionskassen bei der finanziellen Unterstützung von schweizerischen Start-up-Unternehmen eröffnet hat. Dank der Motion diskutieren verschiedene Akteure wie Pensionskassen, Risikokapitalfonds, die eidgenössischen Ämter SECO, BSV, OAK BV sowie Start-up-Unternehmen über dieses Thema. Am 2. Mai 2017 wurde unter der Ägide des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) und des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) ein Workshop zum Thema Risikokapital in der Schweiz organisiert.

  

Reaktionen und Stellungnahme der Pensionskassen

Da die Pensionskassen unbedingt ihren Handlungsspielraum gegenüber dem Gesetzgeber wahren möchten, wenn es um ihre Anlageentscheidungen geht, sprachen sie sich kategorisch gegen die Auferlegung eines obligatorischen Investitionsanteils von 1 % in Start-ups aus und erinnerten bei dieser Gelegenheit daran, dass die im Rahmen der Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVV2) festgelegten zulässigen Anlagen (Aktien, Obligationen, alternative Anlagen usw.) vollkommen ausreichen.

Für die schweizerischen Vorsorgeeinrichtungen sind Anlagen in Schweizer Start-up-Unternehmen gerechtfertigt, wenn der entsprechende Return on Investment den gegenwärtigen und den künftigen Rentnern nützt. Diese Hauptaufgabe der Pensionskassen wurde von den Verantwortlichen der auf schweizerische Jungunternehmen ausgerichteten Risikokapitalfonds oft nicht ausreichend berücksichtigt.

 

Keine Einigkeit beim Zukunftsfonds

Die Motion Graber führte nicht zur erhofften schweizweiten Einigung und zur Einrichtung eines einzigen «Zukunftsfonds», an dem sich alle Akteure beteiligen, nämlich die grossen Branchenverbände und Bundesbetriebe, die Gewerkschaften und die eidgenössischen Institutionen.

So entwickelte sich die Motion Graber eher unkoordiniert weiter und unterlag grösstenteils dem Einfluss von Vertretern der Banken, die versuchen, sich diese politische Initiative eines Zukunftsfonds für eigene Zwecke zu Nutze zu machen, was oft zu Interessenkonflikten mit ihren herkömmlichen Tätigkeiten führte. Insgesamt wurden von den Schweizer Banken gleichzeitig drei Initiativen zugunsten schweizerischer Jungunternehmen lanciert: der Swiss Entrepreneur Fund unter der Leitung von UBS und Credit Suisse, der Zukunftsfonds Schweiz unter der Ägide der Privatbank Reichmuth & Co und der Swisscanto Growth Fund unter der Federführung der Zürcher Kantonalbank.

Dazu kamen diverse Branchenfonds, wie beispielsweise der Risikokapitalfonds Swisscom’s Digital Transformation Fund der Swisscom mit einem Zeichnungskapital von CHF 200 Millionen, wobei CHF 50 Millionen von der Swisscom und der Restbetrag von CHF 150 Millionen von den schweizerischen Pensionskassen finanziert wurden.

Die Tatsache, dass zwei verschiedenen Stiftungen (Swiss Entrepreneurs Foundation und Pro Zukunftsfonds Schweiz) gegründet wurden, die eigentlich beide dasselbe Ziel verfolgen, zeigt deutlich, wie sehr es bei der Umsetzung der Motion Graber an nationaler Koordination mangelt. Die Stiftung Pro Zukunftsfonds Schweiz «unterstützt Massnahmen zur Schaffung von Möglichkeiten, Schweizer Ersparnisse aus kollektiven Spartöpfen in die arbeitsplatzschaffende Realwirtschaft der Schweiz an der Spitze des technischen Fortschritts zu investieren», während die Swiss Entrepreneurs Foundation «die Förderung von Start-ups und des Unternehmertums in der Schweiz sowie die Förderung eines Schweizer Innovations-Ökosystems mit verbesserten Rahmenbedingungen für die Kommerzialisierung innovativer Technologien» bezweckt.

Beide Stiftungen verfolgen also das Ziel, die Rahmenbedingungen der schweizerischen Jungunternehmen hinsichtlich Governance, Steuerfragen und Finanzierung zu verbessern. Eine einzige Stiftung hätte eigentlich ausgereicht und wäre viel effizienter gewesen, doch die Gründer von Swiss Entrepreneur Fund und Zukunftsfonds Schweiz sprachen sich untereinander nicht ab und riefen jeweils eine eigene Stiftung ins Leben.

 

Konsequenzen der Motion Graber

Bei erfolgreichem Start werden demnächst drei Anlagevehikel im Bereich schweizerischer Jungunternehmen den Schweizer Start-up-Markt mit CHF 1 Milliarde Anlagekapital überschwemmen; das ist fast gleich viel wie sämtliche Investitionen, die 2018 in schweizerische Jungunternehmen getätigt wurden, nämlich rund CHF 1,24 Milliarden (Quelle: Swiss Capital Report 2018).

Diese drei separaten und nicht aufeinander abgestimmten Bankinitiativen werden zu einer Überkapitalisierung des schweizerischen Start-up-Marktes führen und negative Folgen zeitigen, wie beispielsweise eine Bewertungsinflation oder ein Übermass an Forschungskapital für zu wenige qualitativ hochstehende Investitionsopportunitäten: «Too much money chasing too few start-ups». Der Schweizer Kapitalmarkt kann aber höchstens CHF 1 Milliarde neues Kapital in finanziell rentabler Art absorbieren, und diese neuen Fonds werden irgendwann zwingend ins Ausland ausweichen müssen, um das Kapital einzusetzen… So werden in erster Linie europäische Start-up-Unternehmen von diesem Kapitalüberschuss profitieren.

 

Reifere KMU bleiben aussen vor

Natürlich kann man es bedauern, dass sich die Motion Graber in ihrer makroökonomischen Ausrichtung ausschliesslich auf sehr junge, innovative Unternehmen konzentriert, die so genannten «Start-ups». Reifere KMU sind von dieser Initiative kaum betroffen, obwohl auch sie Finanzierungsbedarf aufweisen, um ihre natürliche Entwicklung zu garantieren, allfällige Akquisitionen zu finanzieren und in vielen Fällen eine Nachfolgeregelung zu finden. In den kommenden Jahren werden effektiv über 60 % der KMU im Familienbesitz vor einem Nachfolgeproblem stehen und werden eine Lösung ausserhalb des Familienkreises bei institutionellen, strategischen oder privaten Anlegern finden müssen (Quelle: Credit Suisse, 2014).

Da diese reiferen KMU seit vielen Jahren bestehen und ihre Wettbewerbsfähigkeit bereits bewiesen haben, stellen sie einen sicheren Anlagewert dar, bieten attraktive und stabile Renditen und weisen eine wesentlich geringere Volatilität auf als die Investitionen in Start-up-Unternehmen. Einige Pensionskassen haben dies richtig erkannt und investierten in Anlagefonds mit schweizerischen KMU, die rentabel sind, optimal geführt werden, sehr flexibel auf internationale politische und wirtschaftliche Entwicklungen reagieren können und zudem oft als Spitzenreiter in Nischenmärkten mit hohem Mehrwert gelten. Unter diesen Anlagefonds stechen derzeit zwei Produkte hervor, die ausschliesslich Pensionskassen offen stehen und die sich auf die Finanzierung reifer schweizerischer KMU spezialisiert haben: die 2007 gegründete Beteiligungsgesellschaft Kowema AG (Luzern) und die 1997 gegründete Anlagestiftung Renaissance (Lausanne und Zürich).

Man kann unsere Politiker also nur dazu aufrufen, die Motion Graber auf ältere KMU auszuweiten, um damit unseren KMU weiterhin hoch stehende Infrastrukturen, attraktive Steuerbedingungen und gut ausgebildete Fachleute anzubieten – wie dies übrigens bis heute erfolgreich geschehen ist. Erinnern wir daran, dass die KMU im weitesten Sinne, d. h. alle schweizerischen Unternehmen mit höchstens 250 Mitarbeitenden, nicht nur die Start-ups, laut SECO «die überwältigende Mehrheit der Unternehmen [bilden] und zwei Drittel der Arbeitsplätze in unserem Land» stellen.

 

Hat es endlich gefunkt?

Zwischen den Pensionskassen und den Start-up-Unternehmen hat es also nur teilweise gefunkt, wenn man bedenkt, dass das Thema gesamtschweizerisch diskutiert wurde und drei neue auf Start-ups ausgerichtete Anlagefonds entstanden sind, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Die neuen Vehikel müssen sich noch bewähren und beweisen, dass sie genügend Kapital der schweizerischen Pensionskassen anziehen und eine hohe Rendite erzielen können, die dem hohen Risiko einer Investition in Start-ups entspricht.


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